Samstag, 22. Februar 2014

Mal etwas anderes - ab nächstem Sommer dürfen wir nicht mehr entbinden!

Ich halte mich ja mit "artfremden" Beiträgen auf dieser Seite eher zurück - schließlich ist sie mein Aushängeschild, mein Shop und Ihr wollt hier primär informiert werden, welche Stoffe eingetroffen sind, was ich neues genäht habe und wo Ihr nähen lernen könnt.

Aber hier geht es um ein Thema, das mir am Herzen liegt und das uns allen nicht egal sein sollte.

Uns (werdenden) Müttern.

Uns (werdenden) Großmüttern.

Und nicht weniger auch uns (werdenden) Vätern und Großvätern.

Und allen anderen ebenso wenig, denn schließlich betrifft es die Gesellschaft, in der wir leben wollen und den Umgang mit den jüngsten uns schützenswertesten Mitgliedern dieser Gesellschaft.


Ab Juli nächsten Jahres dürfen wir nicht mehr entbinden. 

Ja, wirklich nicht. Jedenfalls nicht, wenn sich die Dinge weiter so entwickeln, wie sie es tun und die Gesetze bestehen bleiben.

Warum?

Die Entwicklung gestiegener (und immer weiter steigender) Haftpflichtversicherungsbeiträge unserer Hebammen habt Ihr sicher mitverfolgt. Schon seit Jahren geben immer mehr großartige Hebammen ihren Beruf - ihre Berufung - auf, weil sie unter diesen Umständen nicht mehr kostendeckend arbeiten können. Geburtshäuser und kleinere Geburtsabteilungen in Krankenhäusern schließen. Die noch praktizierenden Hebammen können sich vor Schwangeren kaum mehr retten, gibt es inzwischen zu wenige für zu viele Schwangere.

Viele meinten bislang, es beträfe sie nicht, weil sie schließlich nicht daheim entbinden oder ins Geburtshaus wollten. Und viele glauben, auch diesmal ginge es nur darum.
Doch es geht um viel mehr.

Aus dem verbliebenen Konsortium aus drei Versicherern, die den Hebammen eine Berufshaftpflicht anbieten, steigt im Sommer einer aus. Die verbleibenden sind nicht in der Lage die Versicherungslast zu tragen und werden die Hebammen nicht mehr versichern. Alternativen: keine.

Und das bringt uns in eine absurde Situation:

Eine Hebamme darf ohne Versicherung nicht arbeiten.

Bei einer Geburt MUSS eine Hebamme zugegen sein. Die darf aber nicht mehr arbeiten - siehe oben.

Und nun? Genau: wir dürften faktisch nicht mehr entbinden.

Gut, das wird so wahrscheinlich nicht passieren. Eher wird das Gesetz - wie in den Vereinigten Staaten bereits geschehen - geändert, so dass eine Hebamme eben nicht mehr bei Entbindungen anwesend sein muss.

Aber: wollen wir das?

Wollen wir verzichten auf die unersetzbaren Frauen, die sich aufopferungsvoll um uns kümmern? Die uns stützen an guten und schlechten Tagen? Die immer für uns da sind? Die über einen wunderbaren Wissensschatz verfügen? Die respekt- und liebevoll mit uns und unserem Baby umgehen? Die uns so vieles lehren, das wir heute nicht mehr auf anderem Wege erlernen?
Die sich um unsere Männer kümmern, während sie kreidebleich neben uns sitzen. Die sich ZEIT nehmen. Die so vieles tun in Schwangerschaft und Wochenbett, das ein Arzt niemals könnte, ja, auch gar nicht soll.

Das kann doch niemand wollen!

Aus diesem Grund formiert sich seit Bekanntwerden des Versicherungsdesasters ein stetig wachsender Elternprotest im Internet, der sich langsam in die reale Welt verbreitet.

Eine von vielen Aktionen liegt mir dabei am Herzen, da ich sie für unsagbar wichtig halte: das Anschreiben unserer Politiker. Nicht irgendwelcher: denen aus dem eigenen Wahlkreis. Denn - das hat mich sehr erstaunt - eine Nachfrage im Gesundheitsausschuss ergab, dass die "Rettung der Hebammen" kein massentaugliches Thema sei, für das die Menschen auf die Straße gingen. Oha.


Nun ergibt der Zufall, dass eine der aktiv Kämpfenden früher selbst im Bundestag gearbeitet hat. Und so habe ich es mir zum Ziel gesetzt, den Eindruck, das Thema sei ein Internetphänomen und interessiere nicht die breite Masse dieses Landes, zu zerstreuen.

Und so möchte ich fortfahren, Euch zu zeigen, wie Ihr Einfluss nehmen könnt auf die Politik, wie das im Grunde funktioniert mit der Demokratie (auch zwischen den Wahlen) und wie wir klar machen können, dass uns das Thema überhaupt und gar nicht egal ist.

Meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen mögen mir verzeihen, aber die Arbeit, die wir Euch damit bereiten ist so unendlich wichtig, dass ich kein schlechtes Gewissen habe.

Hier eine kleine Anleitung:


An wen soll ich denn schreiben?

Schreib als allererstes an Deinen Wahlkreisabgeordneten.

Warum an den?

Diesen Abgeordneten hast Du gewählt. Und falls nicht, wurde er oder sie jedenfalls mehrheitlich in Deinem Wahlkreis gewählt und in den Bundestag gesandt. Das ist DEIN Volksvertreter. Er ist zuständig für alle Deine Belange – und wird sich auch darum kümmern, da er ja bei der nächsten Wahl gerne wieder gewählt werden möchte. Er wird sich also bemühen, Dein Anliegen zu verfolgen und sich einzusetzen.

Und wo finde ich den?

Schau mal hier: http://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete18/index.jsp?vaid=59, gib Deine Postleitzahl ein und schon hast Du ihn! :)

Da gibt’s mehrere – und nun?

Super! Schreibe alle an. Geh davon aus, dass sie politisch in Konkurrenz stehen und somit besser sein wollen als der jeweils andere. Nutze das!

Und was soll ich schreiben? Gibt es Musterbriefe?

Schreib DEIN ganz persönliches Anliegen. Bitte KEINE Musterbriefe. Musterbriefe sind nett, weil sie Dir die Arbeit leichter machen – den Abgeordneten auch. Denn werden Musterbriefe als solche erkannt, landen sie zur Beantwortung in den Fraktionen und werden mit Musterantworten beantwortet. Wir wollen aber erreichen, dass die Abgeordneten sich selbst für das Thema begeistern und sich dann mit Nachdruck einsetzen.
Deswegen schreib von Dir – Deinen Sorgen und Nöten. Der Angst, keine Hebamme mehr zu finden. Der Angst, bei der Wahl des Geburtsortes beschränkt zu werden. Der Sorge um Deine erwarteten Enkel. Die Angst, noch ein weiteres Kind zu bekommen unter diesen Umständen. Appelliere je nachdem: erinner sie an die Geburten ihrer eigenen Kinder und gib zu bedenken, wie es ihren Enkeln ergehen wird. Wenn sie jung sind: gib zu Bedenken, dass sie evtl nicht mehr in den Genuss einer Hebammenbetreuung kommen werden, schreib, was sie da verpassen werden.
Kurz: schreib Deine ganz persönliche Geschichte und appelliere an ihn/sie auf persönlicher Ebene.
Bleib dabei IMMER freundlich – geh davon aus, dass Dein Gegenüber sich eventuell noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt hat. Da hier ja überwiegend Frauen unterwegs sind: holt Eure Männer mit ins Boot!

Und dann?

Abschicken. In den Bundestag oder ins Wahlkreisbüro – egal.

Warte eine Woche.

Dann ruf an und frag nach – in Berlin oder im Wahlkreisbüro. Lass Dich nicht abwimmeln. Denk dran: er oder sie will von Dir gewählt werden – Du hast eine starke Position!

Mach gerne einen Termin aus. Viele Büros haben im Wahlkreis (also wahrscheinlich bei Dir um die Ecke!) Bürgersprechstunden.

Mobilisiere Deine Freunde, Verwandten, Nachbarn, Freunde, Kollegen, den Krabbelkurs, die Stillgruppe, die Kindergarten- und Schulfreunde. Je mehr desto besser. Druck diesen Text hier gerne aus und reiche ihn weiter, für alle, die nicht auf Facebook aktiv sind. Überhäuft die Büros mit Euren Briefen und Geschichten!

Warum nicht an den Minister? Oder an alle anderen Abgeordneten?

Das könnt Ihr natürlich machen. Ich gebe aber zu bedenken, dass das in den meisten Fällen vertane Zeit sein wird. Warum?

a)      Der Minister wird diese Briefe niemals selbst lesen - Du machst Dir keine Vorstellung, wie viele Briefe dort am Tag eingehen.
b)      Er ist nur einer und wird diese Entscheidung nicht allein treffen. Gesetze werden im Bundestag mehrheitlich beschlossen – und da sind die Abgeordneten. Er kann nur Gesetzentwürfe einbringen, das können die Abgeordneten mit ihren Fraktionen aber auch.
c)       Über ihn erreichst Du nur eine Partei – über die Abgeordneten erreichen wir gemeinsam alle.
d)      Er ist nicht für Dein persönliches Anliegen ‚zuständig‘. Ein Hebammenverband muss sich an diese oberen Stellen wenden – die Bürger mit ihren Anliegen an ihre Abgeordneten, durch die sie im Bundestag vertreten sind.

Im Grunde beantwortet das auch die Frage nach den anderen Abgeordneten: sie sind nicht für Deine persönlichen Belange zuständig. Noch dazu ist es weniger effektiv, gleichlautende Schreiben an alle zu versenden – Gründe habe ich oben genannt. Auch Abgeordnete erhalten UNMENGEN an Post (ich habe diese Schreiben bearbeitet, ich kann ein Lied davon singen… ;) ). Als erstes werden sie schauen, ob es sich um einen Bürger ihres Wahlkreises handelt und dies natürlich bevorzugt behandeln. Bedenke auch: selbst wenn Du Antwort erhältst, dann bist Du vielleicht ein Bürger aus Bad Segeberg und der Antwortende kommt aus München. Ein persönliches Treffen wird schwierig.

Was ist mit meinen Parteien hier vor Ort?

Du kannst sie natürlich auch mit ins Boot holen. Vergebene Energie ist das sicher nicht, denn auch dadurch verbreitet sich die Problematik weiter. Aber auch hier sehe ich nur weniger Sinn als im direkten Anschreiben der Abgeordneten, denn die Entscheidungen fallen im Bundestag, nicht im Landtag oder Rathaus. Daher wird Dein Anliegen von dort aus auch nur weitergetragen, was Zeit kostet. Politische Mühlen mahlen langsam. Dein Abgeordneter ist Dein direktes Sprachrohr im Bundestag, wo die Entscheidung am Ende getroffen werden muss.

Und nun ran an die Griffel!!Danach dürft Ihr gern wieder Stoffe shoppen und schöne Dinge bestaunen - aber nehmt Euch bitte die Zeit!

Weitere Aktionen und Informationen unter: www.hebammenunterstützung.de .

Kommentare:

  1. Liebe Lollie,

    vielen Dank für deinen Aufruf! Ich finde das Thema wirklich wichtig! Da meine Mutter Hebamme ist, weiß ich wie dramatisch die derzeitige Entwicklung ist, auch wenn ich selbst noch keine Kinder habe. Und ich weiß, wie wichtig die Arbeit der Hebammen ist und möchte selber später, wenn ich Kinder bekomme, auch noch in den Genuss kommen können.
    Daher noch einmal danke! Das Thema ist wirklich wichtig und muss weiter in den Fokus der Gesellschaft gerückt werden!

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  2. Liebe Lollie,

    ich habe deinen Aufruf geteilt, weil es auch mir ein Herzenswunsch ist. Ich hoffe, dass das für dich ok ist:
    http://daudl-maus.blogspot.de/2014/02/in-zukunft-entbinden-wir-nicht-mehr.html

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  3. Danke für Deine "Anleitung". Ich werde sie weiterverbreiten.

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  4. Sehr wichtige Sache, Danke für die Anleitung, die ist ja generell für politische Anliegen gut.
    Wir hatten bei unserem ersten Kind eine sehr gute Hebamme, darauf kann doch keiner verzichten wollen.

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